Welche Konsequenzen hat der EZB-Niedrigzins für Privatanleger?

Welche Geldanlagen von Privatanlegern sind in welchem Maß von der Niedrigzins-Politik der EZB betroffen und wo lohnt es sich derzeit überhaupt noch zu investieren? Was kommt auf Verbraucher zu, wenn die Zinsen weiterhin auf extrem niedrigem Niveau bleiben?

Der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) legt als oberster Währungshüter der Eurozone (Euroland) in quartalsweisen Sitzungen Leitzins (Hauprefinanzierungszinssatz), Spitzenfinanzierungszinssatz und Einlagenzinssatz fest. Doch die vergangenen, mit Spannung erwarteten Sitzungen verliefen immer mit dem gleichen Ergebnis, der Leitzins wurde stufenweise gesenkt, im März 2016 auf das historische Tief von 0%. Für konservative Anleger ein Desaster – sie bekommen nichts mehr für ihr Geld.

Aufgabe der Noten- und Zentralbanken ist es, die Zinsverhältnisse am jeweiligen Geldmarkt und die allgemeine Zinspolitik zu steuern, um ein stabiles Preisniveau sowie eine angemessene, vergleichsweise niedrige, aber nicht zu geringe Inflation zu gewährleisten und das Wirtschaftswachstum zu stärken. Dafür pumpt die EZB Milliarden Euro in den europäischen Geldmarkt. Bis Ende März 2017 monatlich 60 Milliarden EUR.

Das Nachsehen haben all diejenigen, die von Zinsen normalerweise profitieren, denn seit März 2016 beträgt der Leitzins der Eurozone unverändert 0% und eine Erhöhung oder gar stabile positive Zinssätze sind nicht in Sicht.

Das aktuelle Niedrigzins-Niveau hat nicht nur Konsequenzen für Banken und institutionelle Investoren, die finanzielle Nachteile durch Negativ-Zinsen, den sogenannten Strafzinsen, durch den negativen Einlagenzinssatz erleiden, sondern auch für Privatanleger und Verbraucher.

Seit der Finanzkrise in 2008 bewegt sich der Leitzins innerhalb der Eurozone konstant auf einem sehr niedrigen Zinsniveau und liegt aktuell weiterhin bei 0%

Seit der Finanzkrise in 2008 bewegt sich der Leitzins innerhalb der Eurozone konstant auf einem sehr niedrigen Zinsniveau und liegt aktuell weiterhin bei 0%

Erläuterungen der von der EZB quartalsweise festgelegten Zinssätze

Leitzins (Hauptrefinanzierungssatz)

Der Hauptrefinanzierungssatz entspricht dem Leitzins (aktuell 0,00%). Zu diesem Zinssatz hat eine Bank die Möglichkeit, sich bei der EZB gegen geeignete Sicherheiten (z.B. Aktien) Geld zu leihen. Die EZB-Kreditvergabe erfolgt einmal wöchentlich.

Spitzenrefinanzierungssatz

Wird der Kredit von der Bank sehr schnell benötigt, ist auch eine Kreditvergabe über Nacht möglich. Hierfür wird der höhere Spitzenrefinanzierungssatz (0,25%) angesetzt. Die Kreditvergabe erfolgt ebenfalls gegen die notenbanktauglichen Sicherheiten.

Einlagenzinssatz

Wird das als Kredit angeforderte Geld von der Bank bei der EZB nicht abgerufen, sondern auf EZB-Konten geparkt, wird der Bank der Einlagenzinssatz berechnet. Bei einem negativen Zinssatz wie derzeit von Minus 0,40% muss die Bank sogenannte Strafzinsen zahlen. Die EZB will mit dem Negativzins erreichen, dass Banken das Geld nicht parken, sondern in Umlauf bringen und als Kredite vergeben.

Wer profitiert, wer verliert?

Die EZB Niedrigzins-Politik trifft vor allem konservative Sparer

Konservative Sparer, die ihr Geld sicher in Tages- oder Festgeld und Sparbücher anlegen wollen, sind definitiv die Verlierer der EZB Niedrigzins-Politik. Ihre private Geldanlage ist bei Banken nicht mehr gefragt, wenn bei schwachem Leitzins eine günstige Liquiditätsbeschaffung zu Niedrigzinsen über die Zentralbank für die Banken erhältlich ist. Bei niedrigem Leitzins senken die Banken deshalb ihre Zinsen für Sparanlagen.

Steigt der Leitzins, rücken die Privatanleger wieder als Liquiditätsgeber ins Visier der Banken, sie erhöhen die Zinsen für konventionelle Sparanlagen, weil die Liquidität über die Zentralbank teurer zu beschaffen ist.

Es bleibt ein schwacher Trost für Sparer, denn bei einer Inflationsrate von aktuell 0% erleiden sie selbst bei Niedrigzinsen keinen realen Verlust ihrer Geldanlagen, dazu müsste die Teuerungsrate höher als die Verzinsung sein. In 2016 rechnen die EZB-Experten allerdings mit einer Inflationsrate von 0,1%, so dass Sparer bei Eintreten dieser Prognose einen Realverlust von 0,1% (über der Verzinsung von 0%) verbuchen würden.

Geringere Zinserträge können von den Banken mit höheren Gebühren für den Kunden kompensiert werden. Eine Alternative zu hohen Gebühren und niedrigen Zinsen sind die Direktbanken. Für klassische Festgeldanlagen liegt der Zinssatz in aller Regel zumindest höher als bei den Filialbanken.

Kreditnehmer profitieren von niedrigen Zinsen

Immobilien-, Unternehmens- und Verbraucherkreditnehmer profitieren von den niedrigen Zinsen. Unternehmen können bei Aufnahme von Krediten expandieren und die Wirtschaft weiter stärken, Verbraucherkredite sorgen für die notwendige Nachfrage. Für sie werden Kreditbelastungen günstiger, ganz im Interesse der EZB. Allerdings besteht bei günstigen Immobilienkrediten die Gefahr einer Immobilienblase durch ein Überangebot und infolgedessen sinkenden Immobilienpreisen, bei Unternehmen und Verbrauchern die mögliche Verschuldung, wobei Insolvenzen seit geraumer Zeit rückläufig sind.

Der Strafzins (Einlagenzinssatz) für Kreditinstitute fällt an, wenn sie ihr Geld über Nacht bei der EZB deponieren, statt es als Kredite zu vergeben. Zielsetzung der EZB ist es, die Banken dazu zu bewegen, mehr Geld zu verleihen und eine Deflation zu vermeiden.

Deflation bezeichnet eine Senkung des Preisniveaus von Waren und Dienstleistungen infolge einer geringeren Nachfrage nach dem Gesamtangebot (Hohes Angebot = wenig Nachfrage). Eine vermehrte Vergabe von Krediten soll die Nachfrage erhalten und das Preisniveau stabilisieren.

Erhöht sich jedoch der Strafzins für Banken, werden sich im Gegenzug auch die Kreditzinsen erhöhen, um den Verlust der Kreditinstitute wieder auszugleichen. Dass die Banken als Ausgleich für den Minus-Zins jedoch besonders günstige, längerfristige Kreditlinien von der EZB in Anspruch nehmen können, hört man in diesem Zusammenhang eher selten.

Bankgebühren & Dispozinsen können teurer werden

Privatkunden brauchen derzeit zwar nicht mit einer direkten Weiterbelastung der Banken von Negativzinsen zu rechnen, ganz aus der Welt ist das Thema allerdings nicht.

Für die Kreditinstitute macht der negative Einlagenzinssatz einen nicht unerheblichen Anteil an entgangenen Einnahmen aus. Die Erhöhung von Gebühren für Bankkonten und Dispozinsen könnte eine Möglichkeit für die Banken sein, einen Ausgleich dieser Ertragsverluste zu Lasten des Kunden zu schaffen. Sollte das der Fall sein, dürften viele Kunden zu den günstigeren Direktbanken wechseln.

Vorteile von Direktbanken

Während Direktbanken ohne Filialnetz und persönliche Beratung anfangs den Bankkunden eher suspekt erschienen, hat sich die zur Normalität gewordene Nutzung des Internet-Banking auf das Image der Online-Banken positiv ausgewirkt.

Durch Einsparung teurer Filialen können Direktbanken ihren Kunden günstigere Konditionen anbieten. Den meisten Direktbank-Kunden genügt die telefonische Beratung oder der E-Mail-Kontakt bei Fragen zu Finanzprodukten und Kontoführung. Alle Bankgeschäfte von der Überweisung bis zum Ratenkredit über Wertpapier-Depots und Sparpläne werden online abgewickelt.

Selbstverständlich sind auch die Direktbanken von der EZB Niedrigzins-Politik betroffen und müssen darauf ebenfalls durch Anpassung ihrer Zinssätze für Sparer reagieren, insgesamt sind sowohl Spar- als auch Kreditkonditionen günstiger als bei den Filialbanken, da auch auf Gebühren weitestgehend verzichtet wird. Der Angebotsumfang an Finanzprodukten hat sich in der Vergangenheit den Filialbanken zum größten Teil angepasst.

Geringere Renditen für Fondsanleger

Auch Fondsanleger, insbesondere Investoren in Geldmarkt- und Rentenfonds mit kurzer Laufzeit, sind von der Zinspolitik betroffen. Fondsgesellschaften halten einen Teil des Fondsvolumens vor, für den Fall, dass Anleger Anteile zurückgeben wollen und diese von der Fondsgesellschaft zurückgekauft werden.

3-5% des Fondsvolumens werden von einigen Banken bei der EZB entsprechend dem derzeitigen Einlagenzinssatz von Minus 0,40% deshalb negativ strafverzinst und über eine Senkung der Fonds-Rendite an den Kunden weitergegeben.

Alt-Abschlüsse von Lebensversicherungen mit Garantie-Zins erzielen zuverlässe Renditen

Wer in der Vergangenheit in Lebensversicherungen mit hohem Garantiezins investiert hat, braucht sich über die EZB-Zinspolitik keine Gedanken zu machen. Bei Neuabschlüssen werden inzwischen jedoch kaum noch Garantien angeboten oder der Garantiezins liegt bei unter 2%.

Problematisch für die Versicherer ist nicht nur der Niedrigzins, den sie für die Anlage der Kundengelder in sichere Staatsanleihen oder Pfandbriefe bekommen, sondern auch der Negativzins, der von einzelnen Banken für diese Anlageformen an Großkunden weitergegeben wird, so dass kaum noch Renditen erzielt werden. Zwar bemüht man sich in den Versicherungskonzernen um alternative Anlagemöglichkeiten, diese sind jedoch begrenzt und ebenfalls zinsabhängig.

Bei neueren Verträgen ohne Garantiezins erhält der Versicherungsnehmer nur noch eine geringe Überschussbeteiligung.

Wer Geld braucht, bekommt es günstig – Wer welches hat, muss zahlen

Vorteile bieten sich in Zeiten von Niedrigzinsen für all diejenigen, die Geld brauchen und es zu günstigen Zinsen bekommen. Die Banken werden von der EZB angehalten, Kredite zu vergeben, was Kreditnehmer zu attraktiven Konditionen auch vermehrt in Anspruch nehmen. Aufgrund des hohen Wettbewerbs unter den deutschen Banken, günstiger Online-Kredite und gutem Konsumklima sind insbesondere Verbraucher-Kredite gefragt. Doch auch Baufinanzierungen und Immobilienkredite rangieren ganz oben.

Privatanleger haben wiederum vergleichsweise wenige Möglichkeiten, lukrative Renditen zu erzielen. Klassische Sparanlagen wie Festgeld und Sparbuch werfen nur minimale Beträge ab. Geringfügig besser liegen die Zinssätze von Festgeld- und Tagesgeldanlagen bei den Direktbanken.

Fondsanleger und neue Lebensversicherungs-Kunden werden indirekt mit den Negativ-Zinsen der Banken belastet, die als schmalere Rendite bzw. geringere Verzinsung weitergegeben werden. Mit diesen versteckten Kosten müssen auch Bankkunden in Form von höheren Gebühren und Dispozinsen rechnen.

Aktien & Fonds als Alternative für Privatanleger

Seit der Finanzkrise sind Sparer noch vorsichtiger geworden. Derzeit lagern rund 1,1 Billionen EUR auf Tages- und Festgeld-Konten. Geld, das von den Anlegern nicht benötigt wird und welches bewusst in ein Depot verschoben wurde, weil es gerade keine anderweitige Verwendung findet. Zinsen – Fehlanzeige.

Eine immer wieder empfohlene Alternative für Privatanleger, die für Guthaben keine oder allenfalls nur geringe Zinsen erhalten, ist die Anlage in Aktien. Zunächst gehörten auch die zuvor bei eher risikoscheuen Investoren beliebten Staatsanleihen und Bonds großer Aktiengesellschaften zu den möglichen Anlage-Alternativen, sie werfen aber infolge der gegenwärtigen Geldpolitik nur noch geringe Renditen ab und Anleihen gehören nicht unbedingt zu den Privatanleger-freundlichen Anlageformen, da Stückelungen häufig erst ab 50.000 EUR begeben werden.

Besonders konservative Sparer tun sich jedoch oft schwer, einen Fuß in die Tür eines Wertpapier-Beraters ihrer Bank zu setzen. Zu sehr ist das Wort Aktien für sie mit Spekulation und Unsicherheit verbunden. Im Vergleich zum Festgeld sind aber auch Aktien eine transparente, leicht verständliche Anlageform. Wird das Geld doch benötigt oder ein Papier entwickelt sich nicht wie erwartet, lassen sich Aktien relativ schnell wieder verkaufen. Ein langfristig angelegtes Depot mit einer sinnvollen Risikostreuung in unterschiedliche Werte und Branchen sowie einem Anteil an ausländischen Aktien wie z.B. US-Aktien verspricht hier die gewinnträchtigsten Aussichten.

Zwar sind bei Fonds in Zukunft geringere Renditen durch die Weiterbelastung von Negativ-Zinsen der Banken nicht auszuschließen, eine weitere Möglichkeit, sein Geld in sinnvollere Anlageformen zu investieren, statt auf einem Null-Zinskonto zu parken, sind sie jedoch allemal.

Wie würde sich eine Zinserhöhung derzeit auswirken?

Nach allen Nachteilen des aktuellen Niedrigzinses vor allem für Anleger, hätte aber auch eine Zinserhöhung zum jetzigen Zeitpunkt negative Auswirkungen auf Banken, Wirtschaft und Anleger.

Da die EZB die Zinsen nicht nur für Deutschland, sondern für die gesamte Eurozone festlegt, werden alle Volkswirtschaften der Euroländer bei den Beurteilungen und Entscheidungen durch die Zentralbank berücksichtigt. In einigen Mitgliedsländern ist die Wirtschaft aber instabil und weist längst nicht so gute Zahlen auf wie in Deutschland. Eine Zinserhöhung würde deshalb in den Euro-Ländern mit schwacher Volkswirtschaft wie Spanien, Portugal und Italien weitere Pleiten verursachen, wovon wiederum auch deutsche Banken, Unternehmen und Anleger betroffen wären.

Diesen Bumerang-Effekt gegenüber den Ländern mit gut aufgestellter Volkswirtschaft wie Deutschland wird die EZB deshalb tunlichst vermeiden, aber auch die schwächeren Euroländer schützen.

Angestrebt wird seitens der EZB auch eine Inflationsrate von 2%, die als günstig für die Wirtschaft angesehen wird. Die derzeitige Teuerungsrate von 0% lässt vermuten, dass die Niedrigzins-Politik deshalb noch längerfristig weiter anhält.

An dieser Stelle stellt sich die Frage, ob nun die lockere Geldpolitik der EZB das eigentliche Problem darstellt oder der Niedrigzins lediglich die Auswirkung der wirtschaftlichen Ungleichheit der Euroländer und der Erhaltung des Euro um jeden Preis ist.

Sie beantwortet sich im Prinzip schon mit der Rolle, Aufgabenstellung und Zielsetzung der Europäischen Zentralbank an sich – die Verwaltung des Euro, die Gewährleistung und Umsetzung der Wirtschafts- und Währungspolitik der EU. Die Geldpolitik der EZB als unabhängige Währungshüterin erfolgt auf Grundlage der Wahrnehmung ihrer Aufgaben, der Niedrigzins ist demzufolge das Resultat der finanzwirtschaftlichen und währungspolitischen Situation in der gesamten Eurozone.

Wie geht es weiter mit der EZB Niedrigzins-Politik?

Die mittelfristig angestrebte Inflationsrate von 2% innerhalb der Eurozone wird sich nach Prognose der EZB nicht so bald realisieren lassen. Für 2016 wird eine Inflation von lediglich 0,1% erwartet, die Prognose von zuvor 1% wurde aktuell gesenkt. Auch für 2017 (1,3%) und 2018 (1,6%) sind trotz Geldschwemme durch die EZB sind laut der Notenbank keine 2% zu erwarten.

Pessimistischer im Vergleich zu Ende 2015 fiel auch die Prognose zur Konjunkturenwicklung (Bruttoinlandsprodukt) aus. In 2016 gehen die Zentralbank-Experten von einem Wachstum in Höhe von 1,4% und in 2017 von 1,7% im Euroraum aus. In 2018 erwartet man eine Steigerung von 1,8%.

Keine guten Vorzeichen für eine in absehbarer Zeit bevorstehende Zinserhöhung. Bis 2020 wird zum heutigen Zeitpunkt keine positive Entwicklung der EZB-Zinspolitik erwartet. Auch Mario Draghi, der Vorsitzende des Rates der Europäischen Zentralbank, stimmte die Finanzmärkte auf eine lange Durststrecke mit den Worten „Der Rat erwartet, dass die Leitzinsen für längere Zeit auf dem jetzigen oder einem noch niedrigeren Niveau liegen werden“ ein.

Welche Konsequenzen hat der EZB-Niedrigzins für Privatanleger? was last modified: Juni 11th, 2016 by AngelaZ