Wie gefährlich sind Schattenbanken?

Schattenbanken

Schattenbanken sind bereits seit einigen Jahren in das Visier der internationalen Finanzmarktaufsichtsbehörden gerückt und sollen wie Geschäftsbanken reguliert werden. Doch was sind Schattenbanken überhaupt und ist das zweifelhafte, düstere Image, das der Name suggeriert, gerechtfertigt? Wie gefährlich sind sie wirklich?

Was sind Schattenbanken?

Der Finanzstabilitätsrat (Financial Stability Board, kurz FSB), übergeordnete Koordinierungsstelle auf internationaler Ebene für die nationalen Finanzmarktaufsichtsbehörden und Institutionen, die die Regulierungsstandards erarbeiten, definiert den Begriff Schattenbanken als „…diejenigen Akteure und Aktivitäten auf den Finanzmärkten [], die bankähnliche Funkionen (insbesondere im Kreditvergabeprozess) wahrnehmen, aber keine Banken sind und somit nicht der Regulierung für Kreditinstitute unterliegen.“

Unter diese Definition fallen alle Investmentfonds, Geldmarktfonds, Private Equity-Fonds, Wertpapierhändler, Verbriefungs-, Finanzierungs- und Factoringgesellschaften usw. und genaugenommen sogar firmeneigene Holding-Gesellschaften und Treasury-Abteilungen, die als Finanzierer und Kapitalgeber für das Unternehmen fungieren.

Die Bezeichnung Schattenbanken wird in erster Linie im allgemeinen Sprachgebrauch mit kreditvergebenden Unternehmen in Verbindung gebracht, die keiner Regulierung wie die Geschäftsbanken als Kreditinstitute unterliegen und und deshalb als höheres Risiko eingestuft werden, aufgrund ihres hohen Anteils auch als Risiko für das gesamte Finanzsystem. Die Banken- und Finanzkrise 2008 machte deutlich, dass die von den Schattenbanken ausgehenden sogenannten systemischen Risiken das globale Finanzsystem erheblich destabilisieren können.

Grundsätzlich sind Schattenbanken keineswegs gleichzusetzen mit halblegaler oder illegaler Schattenwirtschaft, welche Einkommen nicht versteuert, statistische Erfassung zu vermeiden weiß und sich zumindest in einer rechtlichen Grauzone bewegt, wenn nicht direkt im illegalen Bereich. Auch bei den Schattenbanken gibt es zwar wie überall halblegale oder illegale Aktivitäten, nur scheint die bisherige Begriffsdefinition an sich sehr problematisch und auch die Bezeichnung Schattenbanken sehr unglücklich gewählt, denn sie suggeriert ein generell negatives System, was aber unzutreffend ist. Im Gegenteil, tatsächlich nehmen Schattenbanken sogar wichtige Funktionen im Finanzsystem wahr.

Historie der Schattenbanken

Die Geschichte der Schattenbanken beginnt in den USA. Eine der ersten Schattenbanken war der Pioneer Fund, ein heute noch existierender, bekannter Investmentfonds. Später entstanden die zahlreichen Hypothekenbanken, die in den USA besonders gefragt sind. Die größte Ende der 1930er Jahre, Fanny Mae, die zusammen mit Wettbewerber Freddie Mac während der globalen Finanzkrise 2007/2008 wegen faktischer Zahlungsunfähigkeit von sich reden machte und nach einem staatlichen Rettungskredit, den übrigens auch Konkurrent Freddie Mac erhielt, überleben konnte. In den USA wird mittlerweile jeder 2. Kredit über Schattenbanken finanziert.

Insbesondere seit der Finanzkrise entwickelte sich das nicht in das Finanzsystem durch staatliche Aufsicht integrierte „shadow banking“ und ist vor allem in den USA, aber auch in China und Europa an den Finanzmärkten zu einem bedeutenden Konzept geworden. Experten bringen dies auch in Verbindung mit der seit der Finanzkrise verstärkten Regulierung der regulären Kreditinstitute, die einen Rückgang der Kredite und verschärfte Bedingungen bezüglich der Eigenkapitalquote der Banken nach sich zog.

Aktuellen Zahlen zufolge hat sich das Volumen in Deutschland zwischen 1999 und 2015 nominal auf 2,6 Billionen Euro verdreifacht. Es wird sowohl auf die gestiegenen Aktivitäten in diesem Sektor als auch auf die reduzierten Vermögenswerte im regulierten Banken-Sektor zurückgeführt.

Funktionen im Finanzsystem und Instrumente der Schattenbanken

Schattenbanken bieten innerhalb des Finanzsystems eine Alternative zu den Geschäftsbanken, z.B. stellen sie alternative Finanzierungs- und Kreditquellen für Kreditnehmer dar oder ermöglichen Anlegern Investitionen abseits der üblichen traditionellen Bankeinlagen.

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Strategien, Finanzprodukte und Finanzierungsinstrumente sind prinzipiell die gleichen wie bei den Geschäftsbanken und häufig bestehen auch direkte Verbindungen und Geschäftsbeziehungen mit den Geschäftsbanken und anderen Marktteilnehmern. Beispielsweise sind Private Equity Fonds eine Alternative für Unternehmen, die sich lieber für eine Beteiligung durch das Private Equity-Unternehmen entscheiden als für Bankkredite und nicht nur einen Finanzierer, sondern auch einen Partner suchen. Dies ermöglicht Unternehmen neben alternativen Finanzierungsmöglichkeiten auch weniger Abhängigkeit von den Banken.

Ein weiterer Anteil des Schattenbank-Systems sind die nicht regulierten Investment-, Geldmarkt- und Hedgefonds. Auch sie zählen zu den Nichtbanken und betreiben mit Investitionen am Kapitalmarkt bankähnliche Geschäfte.

Fraglich sind die am Ende tatsächlich als Schattenbanken definierten Unternehmen, denn der Begriff Schattenbanken ist derzeit noch weit gefasst und beinhaltet z.B. auch Factoring- und Leasinggesellschaften, wobei deutsche Leasinggesellschaften bereits seit Jahren einer bankähnlichen, offiziellen Regulierung unterliegen. Hier muss sicher noch weiter differenziert werden, was wirklich dem Schattenbank-Bereich zuzuordnen ist und was nicht, bevor weiter über die angestrebte Regulierung nachgedacht wird.

Was unterscheidet Schattenbanken genau von den Geschäftsbanken und was verbindet sie?

Die wichtigsten Unterschiede zwischen Schatten- und Geschäftsbanken

Abgesehen von der zumeist fehlenden Regulierung und Einlagensicherung, die die Schattenbanken von den regulierten Kreditinstituten unterscheidet, können sie keine Giralgeldschöpfung (in elektronischer Form vorhandes Buchgeld/Sichteinlagen) betreiben und auch keine Liquidität über die Zentralbanken wie der EZB erhalten. Deshalb gelten Sie als risikoreich und können theoretisch auch kurzfrisitig Liquiditätsprobleme bekommen.

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Dies trifft jedoch nicht auf alle dem Schattenbank-Sektor zur Zeit per Definition zugeordneten Unternehmen wie z.B. viele Investmentfonds zu, die nach den OGAW-Richtlinien durch die deutsche BaFin reguliert werden. Auch sie gehören trotzdem streng genommen weiterhin zu den Schattenbanken, obwohl reguliert und im Sinne des Anlegerschutzes konform mit der euroüpäischen Richtlinie. Der einzige Unterschied zu den Geschäftsbanken im Sinne der Auslegung des Finanzstabilitätsrats: Sie werden nicht als Kreditinstitut reguliert und unterliegen nicht dem Kreditwesen-Gesetz (KWG). Denn sie sind ein Fonds und keine Bank.

Enge Verflechtung mit den Geschäftsbanken

Der per weiter Definition vorhandene Schattenbanken-Sektor ist jedoch eng mit dem der Geschäftsbanken verflochten. Geschäftsbanken gewähren Schattenbanken Kreditlinien oder nutzen sie selbst als Refinanzierer. Sie arbeiten eng mit Geldmarkt- und Investmentfonds, zusammen und machen auch der deutschen Finanzdienstleistungsaufsicht Probleme, da Geschäftsbanken z.B. Risikopapiere (Ramschpapiere, Hoch-Risikopapiere usw.) aus Gründen der Bilanzbereinigung an Schattenbanken auslagern.

Da die betreffenden Schattenbanken nicht reguliert sind, gibt es auch für die deutsche BaFin keine Möglichkeit der Aufsicht, weil es sich um ausländische Tochterunternehmen der Banken handelt, denn viele Geschäftsbanken haben eigene oder verbundene Zweckgesellschaften, die ebenfalls als Schattenbank eingestuft werden und sich schon aufgrund ihres Standorts einer Aufsicht entziehen. Sie befinden sich häufig an Offshore-Finanzplätzen und werden außerbilanziell, d.h. nicht innerhalb der Bank-Bilanzen geführt.

Hedefonds wiederum haben wiederum eine geradezu symbiotische Beziehung zu Investmentbanken, weil sie dort Anlageprodukte wie z.B. CDOs (Collateral Debt Obligations) nachfragen können. Etwa die Hälfte der Fonds ist in Offshore-Gebieten innerhalb der Karibik wie den Cayman Islands oder den British Virgin Islands und Bermudas ansässig. Das zeigt auch, wie eng Schattenbanken und Offshore-Finanzplätze häufig verbunden sind, wobei sich lediglich der Sitz der Gesellschaften in diesen steuergünstigen Territorien befindet, denn die Mitarbeiter arbeiten natürlich onshore, hauptsächlich in den Finanzmetropolen London und New York.

London

Fazit zu Schattenbanken

Als Schattenbanken werden gemäß der derzeitigen Definition alle Nichtbanken bezeichnet, die bankähnliche Funktionen im Finanzmarkt wahrnehmen und nicht wie die regulären Kreditinstitute durch staatliche Aufsichtsbehörden reguliert werden.

Darunter fallen beispielsweise Geldmarktfonds, Hedgefonds, Investmentfonds, Private Equity Fonds, Factoringunternehmen, unternehmenseigene Holdings, Zweckgesellschaften usw., also sowohl Anlage- als auch Kreditvergabe-Institutionen. Die Definition ist damit sehr weit und zu einem Teil auch sehr ungenau gefasst, denn sie schließt auch Unternehmen mit ein, die einer bankähnlichen Regulierung unterliegen, weil sie eben keine Bank im Sinne des Kreditwesen-Gesetzes sind, wie z.B. deutschen Leasingunternehmen.

Genaugenommen gehören auch firmeneigene Holdings als Kredit- und Finanzierungs-Vehikel für das Unternehmen zum Schatten-Sektor. Ebenso wie Private Equity- und Venture Capital-Unternehmen, die über Unternehmensbeteiligungen zum Finanzierer und Kreditgeber werden.

Unpassend erscheint deshalb der Begriff Schattenbanken an sich, denn er ist im Sprachgebrauch mit eindeutig negativen Attributen behaftet wie die sogenannte Schattenwirtschaft, zu der auch Schwarzmarkt und Schwarzarbeit gehören, also auch klar illegale Aktivitäten neben einer breiten Grauzone. Schattenbanken bewegen sich jedoch nicht per sé im halblegalen oder illegalen Bereich.

Die wichtigsten Unterschiede zwischen dem Schattenbank- und dem regulären Banken-Sektor bestehen darin, dass Nichtbanken im Sinne des Kreditwesen-Gesetzes keine Kreditlinien über die Zentralbanken abrufen und auch kein Giralgeld schöpfen können. Liquidität muss deshalb aus eigenen oder anderen Mitteln beschafft werden, weil kein Buchgeld existiert. Ist die erforderliche Liquidität nicht vorhanden, kann es auch sehr kurzfristig zu Liquiditätsengpässen kommen, was das Risiko erhöht, weil für viele dieser Institutionen auch keine Einlagensicherung wie für die Kreditinstitute besteht.

Die internationalen Finanzaufsichtsbehörden streben zur besseren Transparenz, klarer Abgrenzung von den Geschäftsbanken, Verbesserung des Anlegerschutzes, zum Schutz des Finanzsystems und der Eindämmung des systemischen Risikos eine Regulierung für diesen „grauen“ Sektor des globalen Finanzmarktes an. Weit sind diese Aktivitäten jedoch noch nicht gediehen, der Anteil der Schattenbanken am gesamten Finanzsystem ist nicht nur stark gewachsen, sondern auch insgesamt auch außerordentlich hoch, in den USA bei der Kreditvergabe sogar knapp über 50%.

Schattenbanken werden infolge ihrer Marktmacht auch als Mitverursacher der seinerzeitigen Finanzkrise in 2008 gesehen. Von ihnen geht deshalb ein systemisches Risko für das globale Finanzsystem aus. Der Internationale Währungsfonds (IWF) kritisiert vor allem auch, dass Schattenbanken die traditionellen Banken mehr und mehr ersetzten. Während sie die Geschäftsbanken in der Vergangenheit lediglich ergänzt haben, kaufen Investmentsfonds nicht mehr nur börsennotierte Wertpapiere, sondern fungieren auch als direkte Kreditgeber für Unternehmen.

Trotzdem sind sie als Vehikel für alternative Finanzierungen und Geldanlagen ein wichtiger Teil des Finanzsystems. Die Nichtbanken bieten Alternativen zu den traditionellen Anlage- und Kreditfinanzierungsmöglichkeiten der Geschäftsbanken, auch wenn ihre Strategien, Finanzprodukte und Finanzierungsinstrumente die gleichen sind wie die der regulären Kreditinstitute.

Die Verflechtung zwischen den Schattenbanken und Geschäftsbanken ist häufig sehr eng und man kann sie in vielen Fällen schon als Symbiose bezeichnen. Sie gewähren einanander Kreditlinien, nutzen Finanzierungsinstrumente und gehen enge Geschäftsbeziehungen ein, sofern sie nicht ohnehin sogar gesellschaftsrechtlich zueinander gehören, wie z.B. zahlreiche nicht regulierte Zweckgesellschaften der Banken, die ihren Standort im Ausland haben, in der Bankbilanz aber nicht auftauchen. Auch dies ist weder illegal noch unüblich.

Die Frage nach der Gefährlichkeit des Schattenbanken-Sektors bezieht sich vor allem auf das systemische Risiko für das globale Finanzsystem und eine mögliche Übermacht gegenüber den regulierten Geschäftsbanken. Da es bisher keine Regulierungs-Richtlinien für Schattenbanken gibt, können sie auch nicht reguliert werden wie ein Kreditinstitut. Vorgaben für Eigenkapitalquoten und Verschuldungsgrenzen gibt es für das „shadow banking“ nicht.

In der Eurozone hat sich der Anteil der Schattenbanken an der Kreditvergabe zwar ebenfalls erhöht, an der Spitze stehen jedoch die USA mit über 50%. Als Grund für das vergleichsweise niedrige Wachstum wird dafür die Bankenlastigkeit in der Eurozone gegenüber den USA gesehen.

Prekär stellt sich allerdings die Lage aktuell in China dar, denn dort handelt es sich bei einem Großteil des Sektors um tatsächlich illegale Banken. Allein 60 wurden nach einer vorangegangenen Großrazzia Anfang 2016 geschlossen. Rund 130 Milliarden Euro sollen auf über die Untergrund-Banken ins Ausland verschafft worden sein. Verdächtige Transaktionen riefen die Ermittler auf den Plan. Die Kapitalflucht im wirtschaftlich gebeutelten China treibt Anleger in die offenen Arme von Geldwäsche-Spezialisten und sie versuchen ihr Vermögen illegal ins Ausland zu transferieren. Die verbotenen Geldgeschäfte versucht die chinesische Regierung durch verschärfte Kontrollen in den Griff zu bekommen.

Natürlich würde auch in Europa und den USA eine Regulierung der Nichtbanken im Finanzsektor mehr Transparenz ermöglichen und Risiken für Finanzmärkte und Anleger eingrenzen, dazu müsste sie aber erst einmal bestehen. Die wenigsten Vorschläge dazu wurden allerdings bisher in bestehende Gesetze umgesetzt.

Der IWF fordert sogar eine strengere und konservativere Regulierung als für Kreditinstitute, weil durch das Fehlen von Sicherheitsmechanismen wie die Einlagensicherung oder die Begrenzung von Kredithebeln ein höheres Risiko besteht.

EU-Regulierung

Stattdessen setzen Politik und Aufsichtsbehörden auf noch mehr und und noch strengere Regeln für die regulierten Kreditinstitute. Letztendlich verringern diese Maßnahmen aber die Bereitwilligkeit und Möglichkeiten zur Kreditvergabe der Banken. Das hat wiederum zur Folge, dass der Schattenbank-Sektor durch die Situation beflügelt wird und weiter wachsen kann, um die Nachfrage nach Krediten zu befriedigen. Im Sinne der angestrebten Regulierung und Eindämmung des systemisches Risikos ein eher kontraproduktives Vorgehen.

Doch auch das billige Geld der Notenbanken, welches zu Milliarden in die Finanzmärkte fließt, trägt zu einem Wachstum der Schattenbanken bei, die von den derzeitigen Bedingungen erheblich profitieren.

Nicht weniger vorteilhaft wirkt sich auch der EZB-Niedrigzins aus, der Anleger auf die Suche nach alternativen Investitionsmöglichkeiten jenseits der üblichen Bankeinlagen treibt und Renditen der klassischen Finanzprodukte wie Anleihen merklich schmälert. Investmentfonds haben Hochkonjunktur, konservative Spareinlagen sind bei einer Nullzins-Politik nicht mehr gefragt. Da kommt der aktuelle Gesetzesentwurf für die Vereinfachung und Teilfreistellung der Besteuerung für die deutschen Privatanleger gerade recht. Erträge aus der Anlage in Aktienfonds sind dann zu 30% steuerfrei, bei Mischfonds immerhin 15%.

Der Schattenbanken-Sektor wird, zumindest in der überregulierten und bankenlastigen Eurozone, oft als bedrohlicher Teil des Finanzsystems ohne Netz und doppelten Boden dargestellt. Eine Differenzierung der einzelnen und sehr unterschiedlichen Bereiche erfolgt jedoch nicht und auch die Bezeichnung und Definition schließen einen Nutzen für das Finanzsystem oder seriöse Geschäfte prinzipiell von vornherein schon einmal aus. Legale und seriös operierende Schattenbanken stellen mangels Regulierung zwar ein höheres Risiko, aber sicher keine potentielle Gefahr dar.

Wie gefährlich sind Schattenbanken? was last modified: Juni 17th, 2016 by AngelaZ